Hornbörger Geschichten

Dat Leben op den scheeben Maschdamm ut de Sicht een echten Maschdammer Jung

Heinrich Hartmann, ein echter Marschdammer Jung, hat sich ein ordentliches Stück Arbeit gemacht und viele Döntjes aus den alten Zeiten aufgeschrieben. Hierbei beschreibt er die Häuser im Marschdamm und im Vordamm und die damit verbundenen Anekdoten. Wir bedanken uns bei Herrn Hartmann, dass wir die „Hornbörger Geschichten“ veröffentlichen dürfen. Und nun viel Spaß beim Lesen.

Husnummer 321

Een Hus, baut as son Villa mit Plattdack un Teerpapp indeckt.

Marschdamm Hus 321

Binnen harr dat ne groote Deel un een Galerie in ersten Stock.
Dat Hus hör een Familie Kuhn.

Ik heff em nich mehr kennt, ober ik weet von Vertellen her, dat he un ok sien Süster Tante Emma beeten anners wöm, as de meisten op den Maschdamm. He schall ton Biespeel splitternackt sien Dack teert hebben. Dorbi har he blos eenen Lendenschurz üm, den he groot as dat neudig wör, vöm or achtem drogen het. Meistiets schall he denn ümsünst ümhat heppen. In Winter, wenn de Wettern tofroem wör, hau he een Lock in‘t Is un bood ok wedder nockt dor bin.

Sien Süster, Tante Emma, scheuf mit eene Schottschekor ton Inkeupen. Ehre Handtasch leeg op de Kor. Wi Kinner verdeelen uns op den Maschdamm, un wenn se den keum, frogen wi: „Tante Emma, wat is de Klock?“ Un nu güng dat los. Tante Emma sett de Kor af, meuk de Handtasch op un nehm dor een tweete Tasch rut. Ut disse tweete Tasch keem noch een Tasch, denn een Klockenschachtel un denn de Taschenklock, se sä uns, wo loot dat weer, un stau den ganzen Krom trüchors wedder weg. Dat ganze dur bestimmt fiev Minuten. Wenn man nu bedenkt, dat alle hunnert Meter een Kind stünn, un de Prozedur wedderholen dä, denn kun man sik utreeken, wolang Tante Emma brukt hett, üm von de Lühbrüch bit no de Kark to komen.
Blang dat Hus wör een Lagerplatz für Grabsteen und Figuren ut Steen, Leuwen, Hunn‘n anner Deerten. Gustav Kuhn wör Steenmetz von Beruf. Dat Ganze meuk für uns eenen unheemlichen Indruck.

Auf Hochdeutsch

Hausnummer 321

Ein Haus, gebaut wie eine Villa, mit einem flachen Dach, das mit Teerpappe gedeckt war.

Im Inneren hatte es einen großen Raum und eine Galerie im ersten Stock.
Das Haus gehörte der Familie Kuhn.

Ich habe ihn nicht mehr gekannt, aber ich weiß aus Erzählungen, dass er – ebenso wie seine Schwester, Tante Emma – ein bisschen anders war als die meisten am Marschdamm. Er soll zum Beispiel splitterfasernackt sein Dach geteert haben. Dabei trug er lediglich einen Lendenschurz, den er je nach Bedarf vorne oder hinten trug. Meistens soll er ihn allerdings umsonst getragen haben. Im Winter, wenn das Wetter zugefroren war, schlug er ein Loch ins Eis und badete dort ebenfalls nackt.

Seine Schwester, Tante Emma, fuhr mit einer Schottkarre zum Einkaufen. Ihre Handtasche lag auf der Karre. Wir Kinder verteilten uns auf dem Marschdamm, und wenn sie kam, fragten wir: „Tante Emma, wie spät ist es?“ Und dann ging es los: Tante Emma stellte die Karre ab, öffnete die Handtasche und nahm daraus eine zweite Tasche. Aus dieser zweiten Tasche kam noch eine Tasche, dann eine Uhrenschachtel und schließlich die Taschenuhr. Sie sagte uns, wie spät es war, und verstaute dann den ganzen Kram wieder rückwärts zurück. Das Ganze dauerte bestimmt fünf Minuten. Wenn man nun bedenkt, dass alle hundert Meter ein Kind stand und die Prozedur sich wiederholte, dann kann man sich ausrechnen, wie lange Tante Emma gebraucht hat, um von der Lühbrücke bis zur Kirche zu kommen.

Neben dem Haus befand sich ein Lagerplatz für Grabsteine und Figuren aus Stein: Löwen, Hunde und andere Tiere. Gustav Kuhn war von Beruf Steinmetz. Das Ganze machte auf uns einen unheimlichen Eindruck.