Hausnummer 321
Ein Haus, gebaut wie eine Villa, mit einem flachen Dach, das mit Teerpappe gedeckt war.
Im Inneren hatte es einen großen Raum und eine Galerie im ersten Stock.
Das Haus gehörte der Familie Kuhn.
Ich habe ihn nicht mehr gekannt, aber ich weiß aus Erzählungen, dass er – ebenso wie seine Schwester, Tante Emma – ein bisschen anders war als die meisten am Marschdamm. Er soll zum Beispiel splitterfasernackt sein Dach geteert haben. Dabei trug er lediglich einen Lendenschurz, den er je nach Bedarf vorne oder hinten trug. Meistens soll er ihn allerdings umsonst getragen haben. Im Winter, wenn das Wetter zugefroren war, schlug er ein Loch ins Eis und badete dort ebenfalls nackt.
Seine Schwester, Tante Emma, fuhr mit einer Schottkarre zum Einkaufen. Ihre Handtasche lag auf der Karre. Wir Kinder verteilten uns auf dem Marschdamm, und wenn sie kam, fragten wir: „Tante Emma, wie spät ist es?“ Und dann ging es los: Tante Emma stellte die Karre ab, öffnete die Handtasche und nahm daraus eine zweite Tasche. Aus dieser zweiten Tasche kam noch eine Tasche, dann eine Uhrenschachtel und schließlich die Taschenuhr. Sie sagte uns, wie spät es war, und verstaute dann den ganzen Kram wieder rückwärts zurück. Das Ganze dauerte bestimmt fünf Minuten. Wenn man nun bedenkt, dass alle hundert Meter ein Kind stand und die Prozedur sich wiederholte, dann kann man sich ausrechnen, wie lange Tante Emma gebraucht hat, um von der Lühbrücke bis zur Kirche zu kommen.
Neben dem Haus befand sich ein Lagerplatz für Grabsteine und Figuren aus Stein: Löwen, Hunde und andere Tiere. Gustav Kuhn war von Beruf Steinmetz. Das Ganze machte auf uns einen unheimlichen Eindruck.

