Hornbörger Geschichten

Dat Leben op den scheeben Maschdamm ut de Sicht een echten Maschdammer Jung

Heinrich Hartmann, ein echter Marschdammer Jung, hat sich ein ordentliches Stück Arbeit gemacht und viele Döntjes aus den alten Zeiten aufgeschrieben. Hierbei beschreibt er die Häuser im Marschdamm und im Vordamm und die damit verbundenen Anekdoten. Wir bedanken uns bei Herrn Hartmann, dass wir die „Hornbörger Geschichten“ veröffentlichen dürfen. Und nun viel Spaß beim Lesen.

Husnummer 174

Hus mit twee Schaufenster un een Lodeningang in de Mitt.

Husnummer 174

Dat drütte Hus ob de rechte Siet.

Dat weer de Kolonialworenloden von Otto Jessen.

Dor geev dat all‘ns an Lebensmittel un ok Porzellon. Vondog seggt se dor to ,,Tante Emma Laden“.

Otto Jessen wör een besonderen Typ. Wi Kinner müssen dor jo mennigmol ton Inkeupen hin, dat wör jümmer bannig spannend. He har noch sone Waag mit twee Scholen. In de eene keum de Wor un in de annere de Gewichte. Bi Kääs in Schieben leeg he soveel op, dat de Waag binoh kippen de, denn hau he mit‘n Finger op de Schol un see „stimmt.“

Man kun ok Schnaps un Wien bi em keupen. Ik gleuf dat he dorvon bannig gern probiert hett. Kalli un ik hept mol faststellt, dat he ok Suerkohl sübst mokt hett. Op den Hof ünnem Schur stünn een Holtfatt, wo de Suerkohl bin wör. Boben op leeg een Teller un dor op een gröttem Steen. Egentlich much ik jo gorkeen Suerkohl, ober heemlich besorgt schmeckt allens. Also hebbt Kalli un ik uns von denn Kohl heemlich watt holt. Wi harm blos Pech, Otto hett uns dorbi sehn. He harr niks gauer to don, as dat bi uns Öllem notoseggen. Nu geev dat ers mol langen Hoovem, dat kenn wi jo, ober denn müssen wi ok noch hin un Afbitte doon. Dat wör dat leegste. Wi stünn dor beide as arme Sünner in‘n Loden un he meuk uns vör alle Kunnen to Sau. Dat weer to veel. Wi hept em domo Baldrian op de Fensterbank ünner sein Kommer streeken. He schall een poor Nachen nich goot schlopen hebben, wiel de Koters son Radau achtem Fenster mokt hebbt.

Otto leev in dat Hus mit sien Fro un sien Dochter Karla. Karla wör Sehniedermeisterin un meuk Kleddag für Fronslüd. Se wer n‘beten wat rundlicher as normol un güng dorüm ok nich so veel ünner Lüd. Min Mudder hett ok af un an mol bi ehr schniedem loten.

In Sommer wör bi Jessen för‘d Hus no Fieerobend allgemeenet Drepen. Denn seeten de ganzen Nobem op de Fensterbänke un schnacken klook, bit op min Vadder, de wör an Stammdisch bi _Fieten Cohrs inne Lange Stroot. Wi Jungs hebbt dor gern bi tohört, wenn de Maschdammer öber Gott un de Welt schnacken deen un allens beter wüssen. Se wüssen genau wat verkehrt wör un wie man dat beter moken kunn, ober se deen dat nich. “Ik bün dor gegen“ wör een gängiger Schnack. Dat scheunste wöm ober all de Sprüche un Schnacks, de jeder mitkreeg, de dor to Foot oder mit‘n Fohrrad vorbi keem.

Hausnummer 174

Haus mit zwei Schaufenstern und einem Ladeneingang in der Mitte.

Das dritte Haus auf der rechten Seite.

Das war der Kolonialwarenladen von Otto Jessen.

Dort gab es alles an Lebensmitteln und auch Porzellan. Heute würde man dazu „Tante-Emma-Laden“ sagen.

Otto Jessen war ein besonderer Typ. Wir Kinder mussten dort ja oft zum Einkaufen hin, und das war immer sehr spannend. Er hatte noch eine Waage mit zwei Schalen. In die eine kam die Ware und in die andere die Gewichte. Wenn er Käse in Scheiben abwog, legte er so viel auf, dass die Waage beinahe kippte, dann drückte er mit dem Finger auf die Schale und sagte: „Stimmt.“

Man konnte bei ihm auch Schnaps und Wein kaufen. Ich glaube, dass er davon ganz gern probiert hat. Kalli und ich haben einmal festgestellt, dass er auch Sauerkraut selbst gemacht hat. Auf dem Hof unter dem Schuppen stand ein Holzfass, in dem das Sauerkraut war. Obenauf lag ein Teller und darauf ein großer Stein. Eigentlich mochte ich gar kein Sauerkraut, aber heimlich besorgt schmeckt alles. Also haben Kalli und ich uns heimlich etwas von dem Kohl geholt. Wir hatten nur Pech – Otto hat uns dabei gesehen. Er hatte nichts Eiligeres zu tun, als es sofort unseren Eltern zu erzählen. Nun gab es erst einmal lange Gesichter, das kannten wir ja schon, aber dann mussten wir auch noch hingehen und uns entschuldigen. Das war das Schlimmste. Wir standen dort beide wie arme Sünder im Laden, und er machte uns vor allen Kunden zur Schnecke. Das war zu viel. Wir haben ihm daraufhin Baldrian auf die Fensterbank unter seinem Schlafzimmerfenster gestrichen. Er soll einige Nächte nicht gut geschlafen haben, weil die Kater hinter dem Fenster solchen Radau gemacht haben.

Otto lebte in dem Haus mit seiner Frau und seiner Tochter Karla. Karla war Schneidermeisterin und machte Kleidung für Frauen. Sie war ein wenig rundlicher als gewöhnlich und ging deshalb auch nicht so viel unter Leute. Meine Mutter ließ sich ab und zu auch etwas bei ihr schneidern.

Im Sommer war bei Jessen vor dem Haus nach Feierabend allgemeines Treffen. Dann saßen die ganzen Nachbarn auf den Fensterbänken und unterhielten sich ausgiebig – bis auf meinen Vater, der saß am Stammtisch bei Cohrs in der Langen Straße. Wir Jungen hörten gern zu, wenn die Maschdamer über Gott und die Welt redeten und alles besser wussten. Sie wussten genau, was verkehrt war und wie man es besser machen könnte – aber sie taten es nicht. „Ich bin dagegen“ war ein gängiger Spruch. Das Schönste waren aber all die Sprüche und Geschichten, die jeder mitbekam, der zu Fuß oder mit dem Fahrrad vorbeikam.