Hausnummer 173
Mehrfamilienhaus mit dem Giebel zur Straße. Das letzte Haus links.
Dieses Haus war für mich das wichtigste am ganzen Maschdamm. Hier wohnten sechs Familien, und auch sechs meiner Freunde.
Unten im Haus wohnte rechts Trienchen Dankers, links die Familie von Hanne Köpke mit ihren sechs Kindern, links dahinter Otto Podzuweit mit Frau und zwei Kindern, oben rechts Fritz Marczian mit Frau und fünf Kindern und oben links Matten Jackstell mit Frau und zwei Kindern. Dann gab es noch hinten seitlich einen Eingang. Dort wohnte Adolf Reuter mit Frau und vier Kindern.
Mein bester Freund war Emil Jackstell. Er hatte noch einen Bruder, Albert, der zuckerkrank war. Jeden Morgen vor der Schule gab er sich selbst eine Insulinspritze in den Oberschenkel. Ich habe ihn dafür bewundert. Unsere Eltern waren beide den ganzen Tag arbeiten, sodass die beiden oft allein waren. Albert war der ältere von beiden, und er konnte schon kochen und auch sonst für sie sorgen. Mit Emil bin ich zusammen in eine Klasse in die Schule gekommen, 1944 im Herbst bei Fräulein Helms. Sie hat uns als Erstes beigebracht, wie man auf Kommando aufsteht, sich wieder hinsetzt und dabei die Klappbänke hoch- und herunterklappt. Als Nächstes lernten wir, auf das Wort „Achtung“ zur Begrüßung „Heil Hitler“ zu sagen. Nachdem das richtig klappte, kamen die Engländer hierher, der Krieg war zu Ende, und wir durften das nicht mehr sagen.
Gleich daneben oben wohnten die Marczian. Dort waren fünf Kinder in der Wohnung: Jonny, Fritz, Kalli (Karl-Heinz), Käthe und Helga. Jonny war schon etwas älter, Fritz war so alt wie Rudel Mink und gehörte damit zu unserer „Führungsschicht“, und Kalli gehörte zu uns.
Der Vater, Fritz, arbeitete als Eisenbieger auf dem Bau in Hamburg. Im Winter musste er sich arbeitslos melden. Dort hat er uns das Skatspielen beigebracht. Die beiden Mädchen waren zu der Zeit noch uninteressant für uns. Unten im Haus, bei den Köpkes, waren sechs Kinder. Der älteste Sohn, Hermann, war schon Soldat gewesen und verwundet worden. Ich sehe ihn noch vor der Küchentür an der Seite des Hauses sitzen und sein verletztes Bein in die Sonne halten, damit die Wunde trocknen konnte. Dann kamen drei Mädchen: Berta, Waltraut und Ranna. Als Nächstes kam Karl (Karl-Heinz). Er gehörte zu unseren Freunden, und die Jüngste war Margret – aber eben auch nur ein Mädchen. Der Vater von Karl, ebenfalls Karl, arbeitete auch bei uns in der Firma. Er war Maschinist und fuhr während des Krieges eine Feldbahn-Lok auf dem Fliegerhorst in Stade. Dabei kam er bei einem Bombenangriff ums Leben.
Bei Podzuweit gab es zwei Kinder im Haus. Anneliese war schon groß, und Otto gehörte zu uns. Sein Vater, ebenfalls Otto, arbeitete auch bei uns in der Firma. Damals wurden Teerstraßen noch als „Streumakadamdecken“ gebaut, und Onkel Podzuweit war der Spezialist an der Teerspritzmaschine. Nebenbei fing er Aale mit Aalkörben in der Lüh. Er hatte ein Boot, stellte dort abends die Körbe hinein und zog sie morgens wieder heraus. Die Aale kamen zunächst in einen Kasten mit Löchern im Wasser, bis er genug hatte, um sie zu räuchern.
Das war für uns ein großes Vergnügen. Wir durften beim Schlachten und Saubermachen helfen. Dabei bekam jeder seinen Aal. In den Schwanz machten wir eine Kerbe oder zwei oder mehr – jeder hatte sein Zeichen – und dann kamen die Aale über Nacht in Salz. Am nächsten Tag wurde geräuchert. Beim Räuchern war es unsere Aufgabe, Kartoffelsäcke in Gräben nass zu machen, die dann zum Abdichten über die Tonne gelegt wurden. Damit regulierte Onkel Podzuweit die Temperatur. Wenn die Aale gar waren, hängte er sie mit Spießen auf die Wäscheleine zum Abkühlen. Das abtropfende Fett fingen wir mit kleinen Blechbechern auf und schlürften es aus. Das hat sehr gut geschmeckt. Danach bekam jeder seinen Aal. Wer jemals einen noch warmen Aal direkt aus der Tonne gegessen hat, der weiß erst, was gut schmeckt. Ihr müsst bedenken, dass das in der schlechten Zeit direkt nach dem Krieg war.
Unten rechts im Haus wohnte Trienchen Dankers. Sie lebte dort ganz allein, und wir hatten wenig Kontakt mit ihr. Als sechste Partei wohnte Adolf Reuter mit seiner Frau Trina und vier Jungen im Haus. Sie hatten einen Nebeneingang auf der linken Seite des Hauses.
Über Werner habe ich ja schon erzählt. Er ist ziemlich am Ende des Krieges noch gefallen. Hans Heinrich, der zweite, war auch Soldat, ist aber gesund zurückgekommen. Er hatte bereits als Pflasterer in unserer Firma gelernt und hat nach dem Krieg wieder bei uns gearbeitet, erst als Geselle und später als Vorarbeiter.
Hans-Heinrich war musikalisch. Er saß oft auf der Bank vor dem Haus und spielte auf seinem Akkordeon. Hermann, der dritte, arbeitete bei Bauern, und von Günter weiß ich, dass er Maurer gelernt hatte und bei Klintwort auf dem Vordamm arbeitete. Er war der Erste von den jungen Leuten, der ein Motorrad hatte, und daran bastelte er viel herum. Die drei sind alle auf irgendeine unnatürliche Weise ums Leben gekommen: Hans Heinrich ist mit einem Kopfstoß in einen Graben gefallen und ertrunken, Hermann wurde als Gleisarbeiter von einem Zug überfahren, und Günter ist mit seinem Motorrad gegen eine Hausecke gefahren. Danach war er blind und hat in einem Heim gelebt.