Hornbörger Geschichten

Dat Leben op den scheeben Maschdamm ut de Sicht een echten Maschdammer Jung

Heinrich Hartmann, ein echter Marschdammer Jung, hat sich ein ordentliches Stück Arbeit gemacht und viele Döntjes aus den alten Zeiten aufgeschrieben. Hierbei beschreibt er die Häuser im Marschdamm und im Vordamm und die damit verbundenen Anekdoten. Wir bedanken uns bei Herrn Hartmann, dass wir die „Hornbörger Geschichten“ veröffentlichen dürfen. Und nun viel Spaß beim Lesen.

Husnummer 173

Mehrfamilienhus mit denn Giebel to de Stroot. Dat letzte Hus links.

Husnummer 173-1

Dit Hus wör für mi dat wichtigste op denn ganzen Maschdamm. Hier wohn söss Familien bin un ok söss von mine Frünn.

Ünnen in Hus wohn rechts Trienchen Dankers, links vöm Hanne Köpke mit ehre söss Kinner, links achtem Otto Podzuweit mit Fro un twee Kinner, Boben rechts Fritz Marczian mit Fro un fief Kinner un boben links Matten Jackstell mit Fro un twee Kinner. Denn geev dat noch achtem sietlich eenen Ingang. Dor wohn Adolf Reuter mit Fro un veer Kinner.

Min besten Fründ wör Emil Jackstell. He har noch een Broder, Albert, de wör zuckerkrank. Jeden Morgen vör de Schol, geev he sik sülbens eene Insulin sprütt in denn Oberschenkel. Ik hebb em dorfür bewunnert. Jümmere Öllem wöm beide den ganzen Dag to Arbeit, so dat de beiden veel alleen wöm. Albert wör de öllere von de beiden, un he kunn all koken un ok sonst für de beiden sorgen. Mit Emil bün ik tohoop in eene Klass in de Schol komen. 1944 in Harvst bi Frollein Helms. Se hett uns as erstet bibröcht, wie man no Kommando obsteit, sik wedder hinsett un dorbi de Klappbänke op un dool schüft. As nächstet lehm wi no dat Wort ,,Achtung“ op Kommando to Begrüssung „Heil Hitler“ to seggen. Nodem dat richtig klappen dee, wöm de Engländer hier, de Krieg wör to end un wi dröffen dat nich mehr seggen. Blangan in dat Hus boben wohn‘n Marczians. Dor wöm fief Kinner in de Wohnung. Jonny, Fritz, Kalli (Karl-Heinz), Käthe un Helga. Jonny wer all wat öller, Fritz wör so old as Rudel Mink, hör also to unse Führungsschicht, un Kalli gehör to uns.

De Vadder, Fritz, arbeed as Isenböger op‘n Bau in Hamborg. In Winter müss he stempeln. Dor hett he uns denn dat Skotspeelen bibröcht. De beiden Deerns wöm to de Tied noch uninteressant. Ünnen in Hus, bi Köpkes, wöm söss Kinner. De ölste Jung, Hermann, wör all Soldot west un wör verwundet.
Ik see em noch für de Kökendör anne Siet von‘ d Hus sitten un sien kaputtet Been inne Sünn holen, dormit de Wund‘ dreugen de. Denn keumen dree Deerns, Berta, Waltraut un Ranna. As nächstet keum Korl (Karl-Heinz). He gehör to uns Frünn, un de Jüngste wör Magret, ober ja ok blos ne Deern. De Vadder von Korl, he heet ok Korl, hett ok bi uns inne Firma arbeed. He wör Maschinist. He führ eene Feldbohnlok op‘n Fliegerhorst in Stod in de Kriegstied. Dorbi is he bi eenen Bombenangriff üm‘t Leben komen.
Bi Podzuweit geev dat twee Kinner in Hus. Anneliese wör all grot un Otto gehör to uns. Sien Vadder, he heet ok Otto, arbeed ok bi uns inne Firma. Tomols wörn Teerstroten noch as „Streumakkadammdecken“ mokt, un Onkel Podzuweit weer de Spezialist an de Teersprüttmaschin. As Nebenerwerb füng he Ool mit Oolkörf in de Lüh. He harr een Boot un stell dor mit obens de Körf un morgens tröck he se wedder op. De Ool keumen denn ersmol in eenen Kassen mit Löcker in‘t Woter, bit he noog harr, üm to reuckern.

Dat wör für uns een grotet Vergnögen. Wie dröffen biet Schlachen un Saubermoken mithölben. Dorbi kreeg jeder sienen Ool. In‘n Steert meuken wi eene Karv oder twee oder mehr, jeder harr sien Teeken, un denn keumen de Ool öber Nach in Solt. Annern Dag wör reukert. Bin Reukern wör dat unsere Opgoov, Katüffelsäck in Grooben natt to moken, de denn ton Afdichten öber de Tünn leggt wörn. Dormit regulier Onkel Podzuweit de Temperatur. Wenn de Ool gor wörn, hüng he se mit de Spiesse op de Wäschelien ton Afkeulen. Dat aflopende Fett füngen wie mit so lüttje Blechpütt op un schlürfen dat ut. Dat hett viellieb schmeckt. Dorno geev dat denn unsern Ool. Keen jemols een noch warmen Ool ut de Tünn eeten hett, de weet ers, wat got schmeckt. Jie möt bedenken, dat dat in de schlechte Tied gliecks no denn Krieg wör.
Ünnen rechts in dat Hus wohn Trienchen Dankers. Se leev dor ganz alleen un wi harn wenig Kontakt mit ehr. As sösste Partie wohn Adolf Reuter mit sien Fro Trina un veer Jungs in dat Hus. Se harn eenen Nebeningang op de linke Siet von dat Hus.

Öber Werner hebb ik jo all vertellt. He is temlich ton End von denn Krieg noch fullen. Hans Heinrich, de tweete, wör ok Soldot, is ober gesund wedder komen. He harr all Steensetter in uns Firma lehrt un hett no den Krieg wedder bi uns arbeit, ers als Gesell un loter as Vörarbeiter.

Hans-Heinrich wör musikalisch. He seet fooken op de Bank vört Hus un speel op sien Schifferklavier. Hermann, de drütte, arbeit bin Buern, un von Günter weet ik, dat he Mörger lehrt harr un bi Klintwort op denn Vördamm arbeit hett. He wör de erste, de von de jungen Lüd een Motorrad harr un dor bastel he veel an rüm. De dree sind all irgendwie op eene unnatürliche Wies üm‘t Leben komen. Hans Heinrich is in dunen Kop in‘n Groben fullen un versoopen, Hermann is as Gleisarbeiter bi de Bohn von ‚n Zug öberfohrt worn, un Günter is mit sin Motorrad gegen eene Huseck führt. Dorno wör he blind un hett in een Heim leevt.

Hausnummer 173

Mehrfamilienhaus mit dem Giebel zur Straße. Das letzte Haus links.

Dieses Haus war für mich das wichtigste am ganzen Maschdamm. Hier wohnten sechs Familien, und auch sechs meiner Freunde.

Unten im Haus wohnte rechts Trienchen Dankers, links die Familie von Hanne Köpke mit ihren sechs Kindern, links dahinter Otto Podzuweit mit Frau und zwei Kindern, oben rechts Fritz Marczian mit Frau und fünf Kindern und oben links Matten Jackstell mit Frau und zwei Kindern. Dann gab es noch hinten seitlich einen Eingang. Dort wohnte Adolf Reuter mit Frau und vier Kindern.

Mein bester Freund war Emil Jackstell. Er hatte noch einen Bruder, Albert, der zuckerkrank war. Jeden Morgen vor der Schule gab er sich selbst eine Insulinspritze in den Oberschenkel. Ich habe ihn dafür bewundert. Unsere Eltern waren beide den ganzen Tag arbeiten, sodass die beiden oft allein waren. Albert war der ältere von beiden, und er konnte schon kochen und auch sonst für sie sorgen. Mit Emil bin ich zusammen in eine Klasse in die Schule gekommen, 1944 im Herbst bei Fräulein Helms. Sie hat uns als Erstes beigebracht, wie man auf Kommando aufsteht, sich wieder hinsetzt und dabei die Klappbänke hoch- und herunterklappt. Als Nächstes lernten wir, auf das Wort „Achtung“ zur Begrüßung „Heil Hitler“ zu sagen. Nachdem das richtig klappte, kamen die Engländer hierher, der Krieg war zu Ende, und wir durften das nicht mehr sagen.

Gleich daneben oben wohnten die Marczian. Dort waren fünf Kinder in der Wohnung: Jonny, Fritz, Kalli (Karl-Heinz), Käthe und Helga. Jonny war schon etwas älter, Fritz war so alt wie Rudel Mink und gehörte damit zu unserer „Führungsschicht“, und Kalli gehörte zu uns.

Der Vater, Fritz, arbeitete als Eisenbieger auf dem Bau in Hamburg. Im Winter musste er sich arbeitslos melden. Dort hat er uns das Skatspielen beigebracht. Die beiden Mädchen waren zu der Zeit noch uninteressant für uns. Unten im Haus, bei den Köpkes, waren sechs Kinder. Der älteste Sohn, Hermann, war schon Soldat gewesen und verwundet worden. Ich sehe ihn noch vor der Küchentür an der Seite des Hauses sitzen und sein verletztes Bein in die Sonne halten, damit die Wunde trocknen konnte. Dann kamen drei Mädchen: Berta, Waltraut und Ranna. Als Nächstes kam Karl (Karl-Heinz). Er gehörte zu unseren Freunden, und die Jüngste war Margret – aber eben auch nur ein Mädchen. Der Vater von Karl, ebenfalls Karl, arbeitete auch bei uns in der Firma. Er war Maschinist und fuhr während des Krieges eine Feldbahn-Lok auf dem Fliegerhorst in Stade. Dabei kam er bei einem Bombenangriff ums Leben.

Bei Podzuweit gab es zwei Kinder im Haus. Anneliese war schon groß, und Otto gehörte zu uns. Sein Vater, ebenfalls Otto, arbeitete auch bei uns in der Firma. Damals wurden Teerstraßen noch als „Streumakadamdecken“ gebaut, und Onkel Podzuweit war der Spezialist an der Teerspritzmaschine. Nebenbei fing er Aale mit Aalkörben in der Lüh. Er hatte ein Boot, stellte dort abends die Körbe hinein und zog sie morgens wieder heraus. Die Aale kamen zunächst in einen Kasten mit Löchern im Wasser, bis er genug hatte, um sie zu räuchern.

Das war für uns ein großes Vergnügen. Wir durften beim Schlachten und Saubermachen helfen. Dabei bekam jeder seinen Aal. In den Schwanz machten wir eine Kerbe oder zwei oder mehr – jeder hatte sein Zeichen – und dann kamen die Aale über Nacht in Salz. Am nächsten Tag wurde geräuchert. Beim Räuchern war es unsere Aufgabe, Kartoffelsäcke in Gräben nass zu machen, die dann zum Abdichten über die Tonne gelegt wurden. Damit regulierte Onkel Podzuweit die Temperatur. Wenn die Aale gar waren, hängte er sie mit Spießen auf die Wäscheleine zum Abkühlen. Das abtropfende Fett fingen wir mit kleinen Blechbechern auf und schlürften es aus. Das hat sehr gut geschmeckt. Danach bekam jeder seinen Aal. Wer jemals einen noch warmen Aal direkt aus der Tonne gegessen hat, der weiß erst, was gut schmeckt. Ihr müsst bedenken, dass das in der schlechten Zeit direkt nach dem Krieg war.

Unten rechts im Haus wohnte Trienchen Dankers. Sie lebte dort ganz allein, und wir hatten wenig Kontakt mit ihr. Als sechste Partei wohnte Adolf Reuter mit seiner Frau Trina und vier Jungen im Haus. Sie hatten einen Nebeneingang auf der linken Seite des Hauses.

Über Werner habe ich ja schon erzählt. Er ist ziemlich am Ende des Krieges noch gefallen. Hans Heinrich, der zweite, war auch Soldat, ist aber gesund zurückgekommen. Er hatte bereits als Pflasterer in unserer Firma gelernt und hat nach dem Krieg wieder bei uns gearbeitet, erst als Geselle und später als Vorarbeiter.

Hans-Heinrich war musikalisch. Er saß oft auf der Bank vor dem Haus und spielte auf seinem Akkordeon. Hermann, der dritte, arbeitete bei Bauern, und von Günter weiß ich, dass er Maurer gelernt hatte und bei Klintwort auf dem Vordamm arbeitete. Er war der Erste von den jungen Leuten, der ein Motorrad hatte, und daran bastelte er viel herum. Die drei sind alle auf irgendeine unnatürliche Weise ums Leben gekommen: Hans Heinrich ist mit einem Kopfstoß in einen Graben gefallen und ertrunken, Hermann wurde als Gleisarbeiter von einem Zug überfahren, und Günter ist mit seinem Motorrad gegen eine Hausecke gefahren. Danach war er blind und hat in einem Heim gelebt.